LEIPZIG WURDE MEIN HASAKA

Ein Interview mit Abdulaziz Ramadan von chronik.LE

*Der Interview wurde in Leipziger Zustände Dec.2016 Seite 44 Print veroffentlicht. die Name Aziz Al-Ayyoobi war eine Nickname von Abdulaziz Ramadan und wurde von 2011 bis Okt.2015 benuzt.

Aziz musste 2011 aus Syrien fliehen, nachdem die anfängliche Revolution gegen die autoritäre Herrschaft Baschar al-Assads in einen Bürgerkrieg umschlug. Er war als Student politisch aktiv und hat die UNION KURDISCHER STUDIERENDER (UKSS) mitbegründet. Für seine Aktivitäten wurde er vom syrischen Geheimdienst verfolgt. Auch nach seiner Ankunft 2012 in Leipzig war es ihm äußerst wichtig, seine politische Arbeit fortzusetzen.

 

chronik.LE: Warum musstest du Syrien verlassen?

Aziz: Mein Haus war in Damaskus. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Geheimdienst. Ich wurde 2004 bis 2011 überwacht. Als die Revolution und die Gewalt angefangen haben, wurde es schwieriger und gefährlicher für mich. Ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt und habe bis Juni 2011 gewartet. Aber ich hatte immer das Gefühl, ich werde jede Sekunde festgenommen. Also habe ich Damaskus Richtung Nordsyrien verlassen. Dort bin ich dann eine Weile geblieben, weil die Situation nicht so angespannt war. Danach bin ich in die Türkei gegangen.

 

Warum wurdest du vom Geheimdienst überwacht?

Wegen meines Aktivismus. Ich habe an Protesten teilgenommen, habe in geheimen Zeitungen geschrieben und studentische, sozialkritische Veranstaltungen organisiert. Im Jahr 2008 wurde ich festgenommen. Es gab zuvor eine große Veranstaltung mit 300 Studierenden. Der Geheimdienst wollte die Namen der 300 Studierenden haben und ich war der Organisator. Ich kam ins Gefängnis. Insgesamt dreißig Tage. Es hätten auch 30 Jahre sein können, wenn ich ihnen die Namen gegeben hätte. Aber ich habe keine Antworten gegeben. Sie hatten keine Beweise gegen mich. Ich war in keiner Partei. Alle oppositionellen Parteien waren unterwandert vom Geheimdienst.

 

Wie war es für dich, als die Revolution in Syrien losging?

Ich hatte die Revolution erwartet. Am Anfang war es ganz friedlich, bis es dann ausgenutzt wurde und die Gewalt gekommen ist.

Wie bist du später nach Deutschland gekommen?

Ich wollte nicht nach Deutschland. Die ganzen syrischen Freunde wollten nach dem Gefängnis nicht mehr mit mir reden. Sie hatten Angst, dass ich was gesagt habe oder beobachtet werde. Meine Freunde zu diesem Zeitpunkt kamen aus Spanien, Italien, USA… der ganzen Welt. Aber nicht aus Deutschland. Damals wollte ich nicht nach Deutschland. Auch als ich in der Türkei war wollte ich nicht nach Deutschland. Ich bin aus zwei Gründen dennoch nach Deutschland gekommen. Als wir 2012 unsere Vernetzung als UKSS größer gemacht haben, haben wir uns in Istanbul mit vielen NichtRegierungsorganisationen getroffen. Wir wollten mit der UN zusammenarbeiten, um Hilfe nach Syrien zu bringen. Aber wenn man mit der UN zusammenarbeiten will, muss die Organisation in Europa oder den USA offiziell registriert sein. Das hat was mit der Finanzierung der UN zu tun. Deswegen sollten wir irgendwo in Europa oder den USA unsere Organisation anmelden. Der zweite Grund: In Damaskus habe ich im Februar 2011 ein Mädchen aus Deutschland kennen gelernt.

Wie war es für dich nach Deutschland zu kommen, obwohl du früher nicht hierher wolltest?

Als ich nach Deutschland kam, habe ich die ersten drei Tage geschlafen. Ich hatte wieder das Gefühl von Sicherheit. Es gibt Sicherheit in Deutschland. Es war für mich nicht wichtig, wo ich hinkomme. Was ich wollte, war ein Leben. Ich habe mich schnell in Leipzig wohlgefühlt. Es ist wie meine Heimatstadt in Syrien. Hasaka hat auch um die 600.000 Einwohner_innen, ist sehr grün und hat viele Seen. Leipzig wurde mein Hasaka. Ich habe vorher schon gewusst, was Europa und Deutschland ist. Es ist nicht neu oder eine andere Kultur, das ist für mich Quatsch. Aber die Menschen, die ich in Leipzig und Deutschland kennengelernt habe, sind gut. Es gibt hier viele Optionen.

Hast du auch negative Erfahrungen in Deutschland gehabt?

Ja, manchmal mit den Behörden. Sie interessieren sich nicht dafür, wer vor ihnen sitzt, wie diese Person denkt. Warum er oder sie nach Deutschland gekommen ist. Die Behörden sollten besser mit den Menschen, die vor ihnen sitzen, reden und Respekt haben. Respekt ist gut für die Menschen. Im Grundgesetz dieses Landes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Sie sollten nicht vergessen, dass jeder Mensch Würde hat, nicht nur Deutsche. Aber auch im sozialen Verhalten gibt es manchmal Probleme, manche Deutsche verhalten sich respektlos gegenüber anderen, aber sie bemerken das nicht. Aber es gibt sehr viele Menschen, die sehr schnell unsere Lage verstehen und viel helfen.

Wie sah eure politische Arbeit in Syrien und hier in Deutschland konkret aus?

Nachdem die Gewalt in Syrien zugenommen hat, gab es in Nordsyrien mehr Raum und eine friedlichere Bewegung, um vor allem mit Jugendlichen die Gesellschaft zu entwickeln. Aber es gab viele Waffen auf der Straße, wenig Schulen und viele Kinder spielten mit Waffen. Daher haben wir den UKSS im Dezember 2012 in Syrien gegründet. Wir haben uns mit anderen Studierenden in Nordsyrien vernetzt und drei Zentren für Kinderschutz, Frauenrechte, Selbstorganisation und autonome Bildung gegründet. Viele Studierende konnten nicht mehr in ihre Universität gehen und haben dann angefangen, in den Zentren Unterricht für Kinder zu geben. Alle Programme sind unabhängig und selbstorganisiert. Im letzten Jahr haben wir eine große Veranstaltung zu dem Thema „Wir sind alle Bürger“ in drei Städten gemacht. Ziel war es die unterschiedlichen Menschen, die innerhalb von Syrien aufgrund des Krieges nach Nordsyrien geflohen sind, zusammen zu bringen und zu zeigen, dass alle gleich sind.

In Deutschland war mein Ziel, sich auch hier zu vernetzen und unsere Arbeit in meiner neuen Heimat weiterzuführen. Anfang 2014 haben wir unsere Gruppe als Verein angemeldet. In diesem Prozess haben wir den Namen in Unabhängiges Komitee für soziale Entwicklung und selbstorganisierte Demokratie e.V. (UKSSD) ge- ändert, um mehr Menschen mit einzuschließen. Momentan entstehen auch neue Stellen in anderen Bundesländern, es sind nicht nur Kurd_innen und Syrer_innen, sondern auch Menschen aus Afghanistan, dem Sudan und deutsche Studierende bei uns. In Leipzig versuchen wir gerade, mehrere Projekte zu den Themenbereichen Inklusion, Kultur, Frauenrechte und Jugendentwicklung anzugehen. Ziel ist es, ein soziales Zentrum in Leipzig aufzubauen, also ganz ähnlich wie in Syrien.

In Leipzig seid ihr vermutlich vor allem durch eure Plakataktion zu dem ersten Legida-Aufmarsch bekannt geworden (siehe Foto). Wie kam es dazu?

Unsere Aktivist_innen in Syrien verfolgen die ganze Politik in Deutschland und der Welt. Sie haben auch durch die Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, erfahren dass sich etwas in der deutschen Gesellschaft ver- ändert. Für sie war es erst nicht begreifbar, dass es eine rassistische Massenbewegung in einem demokratischen Land gibt. Wie können Menschen in einem demokratischen Land solche Aktionen gegen andere Menschen machen. Das ist unmenschlich. Und sie wollten uns hier und die Gegenbewegungen gegen Legida und Pegida unterstützen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

In Syrien versuchen wir weiterhin den Menschen, die unsere Hilfe benötigen, diese zukommen zu lassen. Wir wollen auch eine neue Gesellschaft nach dem Krieg mit aufbauen. Hier in Leipzig sind es kleinere Projekte. Wir planen für nächstes Jahr kurdische Filmtage.

Abschließend noch eine Frage zu deinen persönlichen Wünschen, was hoffst du für Syrien und auch hier für Deutschland?

Für Deutschland wünsche ich mir, dass die Leute die Geflüchteten als Bürger_innen sehen. Die Geflüchteten brauchen keine Hilfe. Sie brauchen keine Kleidung, keinen PC, kein Smartphone, kein Klavier. In Syrien hatten wir Autos, wir hatten Klaviere, wir hatten alles. Aber wir hatten keine Würde. Die Revolution in Syrien war für unsere Würde. Das ist in Syrien nicht passiert. Aber wir wollen auch unsere Würde in Deutschland nicht verlieren. Wir sind alle Bürger_innen, dabei geht es nicht um ein Stück Papier, sondern um Würde.

Für Syrien hoffe ich, dass der Frieden bald kommt. Viele Menschen hier aus Syrien wollen zurück. Sie fühlen sich hier nicht gleich behandelt. Das ist schade. In Syrien ist es nicht mehr unser Kampf. Wir haben keine Macht mehr in Syrien. Ich hoffe, dass Syrien zu Ruhe kommt. Dann gehen wir zurück. Ich auch.

Founder and CEO at DOZ International

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